Tagträume

Das grelle Neonlicht erleuchtet kalt und erbarmungslos den kahlen Raum. Mein Blick wandert über die müden Gesichter. Durch meinen Körper fließt die beruhigende Musik meines iPods, trägt mich hinfort in eine andere Welt. Verschwinde aus den Räumlichkeiten voller Leute, schwebe völlig schwerelos davon. Meine Gedanken sind gewillt mich überall hinzutragen, wo immer ich auch hinmöchte. Spüre den warmen und feuchten Waldboden unter meinen nackten Füßen. Einige der Tannennadeln stechen sanft in meine Fußsohlen. Doch es schmerzt nicht, eher fühlt es sich an als ob sie mich leise an ihre Existenz erinnern möchten. Ich störe mich nicht daran, leichtfüßig tanze ich über die dunkle Erde, das weiche Moos, wirble herum, drehe mich im Kreis, die Arme weit von mir gestreckt. Schließe die Augen, spüre einfach nur diesen Moment voller Glücksseeligkeit. Fahre mit den Fingerspitzen über die Rinde eines Baumes, streife mit meiner Wade den grünen Farn und sauge die klare, nach der Tiefe des Waldes duftende Luft ein. Ich fühle mich so unglaublich frei, hier gibt es einfach nur mich, mich und die Natur. Keine Vorschriften, keine Regeln, niemanden der mich beobachtet und über mich urteilt. Lächelnd lege ich den Kopf in den Nacken und starre in die unendliche Weite des weiß getupften Himmels. Er erinnert mich an die Weitläufigkeit des Meeres. Abrupt spüre ich feinen, von der Sonne aufgewärmten Sand unter meinen Fußballen. Der Duft des salzigen Ozeans umschließt mich sanft, hüllt mich in seine tröstende Beständigkeit des Rauschens der Wellen. Langsam wiege ich meinen Körper in ihrem Rhythmus, vor und zurück, vor und zurück, immer wieder. Schließlich lasse ich mich fallen, lasse die weißgoldenen Sandkörner durch meine Finger rieseln, puste sie von meiner hellen Haut. Beobachte die weißen Wolken, die wie Zuckerwatte im intensiven Blau der Unendlichkeit umherschwimmen. Hier will ich ewig bleiben, einfach hier liegen und das süße Nichtstun genießen. Ein lauter Knall lässt mich zusammenzucken, reiße meine Augen weit auf und starre in das blenden Neonlicht. Habe das Gefühl zu erblinden, möchte meine Augen einfach nur wieder schließen, erneut Abtauchen. Doch die Realität hat mich wieder, kann mich ihr unmöglich erneut entziehen. Bin gefangen in der Wirklichkeit, im hier und jetzt. Bis zu meinem nächsten Tagtraum. Und so warte ich, erwartungsvoll, ungeduldig, erschöpft.

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